· 

Das Leben als Vorwort

 

Habt ihr schon mal ein Vorwort gelesen? Dieser unglückliche Zustand hat nur zwei Daseinsziele: Der Leser liest es gar nicht oder ärgert sich, dass er es gelesen hat. Das Vorwort ist das mit Abstand am wenigsten spannende Etwas in der gesamten Literatur. Stets im Schatten eines Meisterwerkes, denn niemand sagt: „Hey, die Vorwörter von Goethe, Gott sind die gut.“ Wer schon einmal ein Vorwort gelesen hat, weiß es gibt Phasen, die sind genauso sinnfrei wie so ein arschiges Vorwort. Die ersten 3 Jahre des Lebens beispielsweise. Kein Mensch kann sich daran erinnern. Ein schlechtes oder ungelesenes Vorwort, macht aber noch kein schlechtes Buch - zum Glück.

 

Ein Freund fragte, wie meine Woche gewesen war - was ich erlebt hätte. Es lagen ganze 6 Tage hinter mir. 144 Stunden. 8.640 Minuten. 518.400 gelebte Sekunden und alles was ich sagen konnte war: „Hm…Nichts.“ Hm, nichts??? Mein Ernst, eigentlich? Wo war ich? Was tat ich? Was habe ich erlebt? Nach diesem Desaster-Moment, fragte ich mich, was ich im letzten Jahr getrieben hatte. Drei, vier Momente, die ich erzählen könnte. Vier, Fünf Erinnerungen. Ein, zwei Ausflüge und Schwups, waren die 525.600 Minuten gefüllt. Es brauchte weniger als 10 Sekunden um sich an mehr als 31 Mio. Sekunden zu erinnern. Das bedeutet 0,000032 % Leben in diesem Jahr. Ein tiefer Anflug von NICHTS verschluckte und begrub mich unter 31 Mio. schweren Sekunden. Für einen Augenblick war ich verschwunden. Nicht mehr da. Nicht existent. Wo ich gerade noch gestanden hatte, war nur noch ein großes, schwarzes, verbittertes Loch. Dieses Loch saugte unwiderruflich mein ganzes bisheriges Leben in sich hinein und kotze es vor mich auf den Boden. Da lag es nun, mein persönliches, 26 Jahre-Seitenlanges Vorwort. Schwer und hässlich grinste es mich an, wohlwissend, dass es so elendig und unbedeutend bleiben würde, wie jene erste 3 Jahre meines Lebens. Schriebe ich wovor ich am meisten Angst habe, wäre es wohl dieser Moment mit 80 Jahren. Der Moment, in dem du nichts mehr reißen kannst. Das Ende unumgänglich voraus und du weißt: „Ich hab’s verkackt.“

[…]

Personal Art - PErsönliche Kunst: Das Leben als Vorwort
Das Leben als Vorwort

Würde ich ein Buch schreiben, wäre das da oben wohl mein Vorwort, nur dass ich es nicht am Anfang schreiben würde, sondern in der Mitte. Ich würde es auch nicht Vorwort nennen, sondern "Das Wort zum Bergfest". So, oder so ähnlich.

 

Das schöne an Vorwörten, Wörtern, Sätzen, Texten, Schriften und Co. ist, dass man verdammt gut zwischen den Zeilen lesen kann - Platz genug ist ja. Müsste ich eine dieser Zwischen-den-Zeilen-Zeile zitieren, stünde da etwas wie: "Nein, verdammt, mein Leben ist nicht großer Misst, aber manchmal muss man sich Fragen, ob man dem gigantischen Geschenk namens Leben auch gerecht wird, oder es doch eher für Streit, Neid, Hass oder Probleme eingetauscht hat. Träumen ist es egal, wo sie entstehen. Manchmal ist es sogar egal, ob sie einmal gelebt werden oder nicht. Wichtig ist, das Träumen selbst. Fehler zu lieben und zu wissen, dass es okay ist, nicht perfekt zu sein und bei Gott, nicht 50 Stunden in der Woche zu arbeiten. Denn wenn ihr das tut schreibt ihr nicht euer eigenes Buch, sondern verlängert nur das Vorwort eures Chefs.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0