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Tabula Rasa - Der Tag in Gedanken

Wache auf. Verfluche den Wecker. Verfluche mich, weil ich zu spät ins Bett bin. Schalfe wieder ein. Wache wieder auf. Drücke Snooze. Wieder. Wieder. Wieder. Stehe endlich auf. Frage mich warum. Überlege, mich wieder hinzulegen. Gehe weiter. Friere. Frage mich warum es immer so kalt sein muss. Frage mich, ob ich leichter aufstehen könnte, wenn es nicht so kalt wäre. Lache über mich. Gehe ins Bad. Mache mich fertig. Muss mich beeilen. Bin zu spät dran. Bin immer zu spät dran. Versuche mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal nicht spät dran war. Lache wieder über mich. Koche Kaffee. Bin stolz auf mich, dass ich es endlich schaffe, jeden Morgen Kaffee zu kochen. Gehe los. Denke daran, was ich alles tun könnte, wenn ich nicht losginge. Genieße die Luft. Bin traurig, dass ich sie nicht länger genießen kann. Denke daran, dass ich nie früh aufstehe, wenn ich frei habe. Will nur Dinge machen, wenn ich gerade keine Zeit dazu habe. Frage mich warum das so ist. Steige in mein Auto. Fahre zur Arbeit. Arbeite. Arbeite. Arbeite. Frage mich warum ich ruhelos bin. Bin genervt. Frage mich, warum ich immer genervt bin. Lese einen Artikel über Krebs. Denke daran, wie viele Menschen an Krebs sterben. Frage mich warum. Frage mich, ob ich auch an Krebs sterben werde. Denke an andere Krankheiten. Denke an Aids. Denke an Parkinson. Denke an MS. Denke daran, dass es hunderte Krankheiten gibt, die einen töten können. Frage mich warum das so ist. Frage mich, ob man sich schützen kann. Denke daran, wie kurz das Leben ist. Trinke Kaffee. Bilde mir ein, es geht mir besser. Frage mich, warum Placebos funktionieren. Denke an ein Buch was über Placebo-Effekte gelesen habe. Frage mich, was wäre, wenn man das kontrollieren könnte. Frage mich, zu was der Mensch noch im Stande wäre. Frage mich, warum er es nicht ist. Denke an Wunder. Denke an Magie. Denke an Marvel. Frage mich, warum das Leben nicht magischer ist. Frage mich, ob es dann schöner wäre. Glaube ich bilde es mir ein. Denke wieder daran, dass ich immer will, was ich gerade nicht habe. Denke, das ist keine gute Eigenschaft. Arbeite weiter. Habe Feierabend. Gehe nach draußen. Frage mich, wo mein Enthusiasmus von heute Morgen geblieben ist. Bin wütend darüber. Frage mich warum. Frage mich, ob ich mich mögen würde, wenn ich mich nicht kennen würde. Steige ins Auto. Fahre los. Sehe den Mann, der jeden Tag zur selben Zeit mit seinen Hunden rausgeht. Frage mich, was er tut, wenn seine Hunde nicht mehr sind. Fahre an die Ampel. Erinnere mich, wie oft ich schon an grünen Ampeln bremste. Muss lachen. Fahre weiter. Rege mich über andere Autofahrer auf. Frage mich wieso sie nicht fahren können. Denke daran, dass ich selbst manchmal nicht fahren kann. Frage mich, warum wir so dumm denken. Frage mich warum das vor allem im Auto so ist. Denke daran, dass ich nie sage, was ich wirklich denke. Denke, dass ist eine schlechte Eigenschaft. Denke daran, wie wenig ich Menschen mag, die das tun, wenn Sie andere damit verletzen. Frage mich, ob ich eine schlechte Eigenschaft habe oder sie. Mache das Radio an. Höre die selben Lieder, die schon seit 3 Wochen laufen. Mache das Radio wieder aus. Fahre weiter. Finde keinen Parkplatz. Sage mir, dass das ja klar war. Denke daran, dass ich gestern einen direkt vor der Tür hatte. Frage mich warum ich sage, dass das klar war. Denke, dass es klar war, dass ich sage, dass das klar war und denke, dass ist keine gute Eigenschaft. Denke ich habe heute zu oft daran gedacht, keine guten Eigenschaften zu haben.

Gehe nach oben. Komme aus der Puste. Frage mich warum. Denke an Sport. Erinnere mich, dass ich gerne an Tunieren teilgenommen haben. Erinnere mich, dass ich Teamsport mochte. Frage mich, wann das aufgehört hat. Frage mich warum. Gehe rein. Begrüße unsere Katzen. Schaue in den Kühlschrank. Mache ihn wieder zu. Schaue nochmal rein. Nehme mir ein Bier. Mache es auf. Nehme einen Schluck. Denke wieder an Placebos. Mache den Fernseher an. Sehe Werbung. Sehe Menschen, die singen: "Ihr seid Zucker" Frage mich warum sie das tun. Denke an andere Werbung. Denke daran, wie viel Werbung auf uns einprasselt. Denke an einen Poetry Slam von Sim Panse. Denke daran, wie er von Werbung sprach. Denke an Psychologie. Denke daran, dass ich mal Psychologie studieren wollte. Denke daran, dass ich es nicht getan habe. Denke An Burnout. Denke an Depressionen. Denke daran, dass die Worte zu Modeworten geworden sind. Frage mich wieso. Denke daran, dass ich Menschen hasse, die das tun. Frage mich warum. Frage mich, wieso Menschen so sind. Denke an die Menschheit. Denke an Krieg. Denke an Mord. Denke an Terror. Denke an schlechte Nachrichten. Denke daran, dass es niemanden interessiert, wenn gute Nachrichten kommen. Frage mich warum das so ist. Denke das ist keine gute Eigenschaft. Denke daran, dass wir abgestumpft sind. Denke daran, dass wir nichts mehr fühlen. Erinnere mich an schlimme Ereignisse. Erinnere mich an 9/11. Erinnere mich an LKWs, die in Menschenmengen rasen. Denke an Jugendliche, die Menschen in einer Schule erschießen. Denke an Bomben, die Menschen zerfetzen. Erinnere mich an "Je suis Charlie". Erinnere mich an "Je suis Paris". Denke an German Wings. Denke an Facebook-Profilbilder in den Farben von Länderflaggen. Frage mich, ob das den Menschen wirklich hilft. Frage mich, ob es Leute interessiert, wenn keiner stirbt. Denke an Unfälle. Denke an Gaffer. Frage mich, ob es Menschen gibt, die ich mehr hassen könnte, als Gaffer. Frage mich wie man so sein kann. Denke an den Feuerwehrmann. Denke daran, dass er der Held des Jahres sein sollte. Denke wieder an Gaffer. Sei kein Gaffer. Denke an den Menschen. Denke an Krieg. Stelle mir Krieg vor, zu dem keiner kommt. Frage mich, ob der Mensch von Natur aus egoistisch ist. Frage mich ob ich egoistisch bin. Bin egoistisch. Der Mensch ist egoistisch. Frage mich warum das so ist. Frage mich, warum ich mich soviel frage. Sehe weiter fern. Sehe Werbung für Alkohol. Frage mich warum Alkohol legal ist und Cannabis nicht. Frage mich ob Alkohol weniger schlimm ist. Frage mich, warum die Menschen aus prinzip so stur sind. Denke an Politik. Denke daran, dass Politik mich nicht interessiert. Frage mich warum das so ist. Nehme einen Schluck Bier. Denke wieder an den Placebo-Effekt.

Bemerkte das schreckliche Nachmittagsprogramm. Frage mich, warum es sowas gibt. Frage mich noch mehr, wie man sowas gucken kann. Frage mich, ob das früher auch so war. Denke daran, dass man immer denkt, dass früher alles besser war. Denke an meine Kindheit. Denke daran, wie schön sie war. Frage mich, wann sich das geändert hat. Mache den Fernseher aus. Suche immer noch meinen Enthusiasmus von heute Morgen. Suche. Suche. Suche. Frage mich, ob ich einfach das machen sollte, was ich heute morgen alles machen wollte. Stelle fest, dass mir die Motivation fehlt. Frage mich warum. Bin wieder genervt. Stelle fest, dass ich zu oft genervt bin. Denke daran, was ich gerne mache. Frage mich, warum ich immer so viel will. Frage mich warum ich mich nicht auf eines konzentrieren kann. Will schreiben. Will lesen. Will zeichnen. Will lernen. Will Videos machen. Will Musik hören. Will Musik machen. Will singen. Kann nicht singen. Will basteln. Will bauen. Will renovieren. Will zum Sport. Verwerfe die Sportidee wieder. Will tanzen. Kann nicht tanzen. Will was ich nicht kann. Kann was ich nicht will. Will zuviel für zu wenig Zeit. Will nicht, wenn ich Zeit habe. Will alles, wenn ich sie nicht habe. Will. Will. Will.

Habe hunger. Will was essen. Will nicht kochen. Frage mich warum. Kann gut kochen. Überrede mich zu kochen. Bin froh drüber. Denke an Silvester. Denke an gute Vorsätze. Denke daran, dass ich nie welche mache. Denke daran, dass ich das nicht mache, weil ich sie nie halte. Schneide Gemüse. Will die Reste wegwerfen. Frage mich warum. Frage mich, wieso wir soviel wegwerfen. Google nach Verwertung. Werde fündig. Nehme mir vor eine Woche lang nichts wegzuwerfen. Frange bei Radieschen an. Frage mich was man mit den Blättern macht. Werde fündig. Mache Chips aus ihnen. Stelle fest, dass Blätter schneller knusprig werden als Kartoffeln. Muss wieder über mich lachen. Stelle fest, dass es schmeckt. Koche weiter. Fühle mich wie Jamie Oliver. Fühle mich gut. Warte auf die Liebe meines Lebens. Bin gern einsam. Bin gern zweisam. Erinnere mich ans Frischverliebtsein. Frage mich, warum das nicht immer so sein kann. Erinnere mich an eine Studie. Erinnere mich, dass das Gehirn von Frischverliebten, dem von Zangsgestörten ähnelt. Stelle fest, dass das stimmt. Denke an die Ehe. Denke ans Leben. Denke ans Reisen. Denke ans Entdecken. Denke an Kultur. Denke an Literatur. Denke an Künstler. Denke daran, was ich selbst gern alles davon wär. Was ich selbst davon gern könnte. Denke wieder daran, dass ich zu viel will. Denke an Sommer. Frage mich, warum es noch so kalt ist. Denke ans Grillen. Denke an den Strand. Denke an den Garten. Denke ans Zelten. Denke daran, dass ich zu viel denke. Denke ans Hier und Jetzt. Denke wir sollten nicht in der Vergangenheit leben. Denke wir sollten nicht in der Zukunft leben. Ich denke, das wäre eine gute Eigenschaft.

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